Ragtime spielen lernen: Musikalische Merkmale und Spielweise
Ein Musikinstrument spielen

Ragtimes spielen lernen und dein Klavierspiel verbessern

19. Februar 2018

Ragtimes sind lehrreich und machen gleichzeitig unheimlich viel Spaß. Doch was genau macht das Wesen, den Reiz und auch das Kniffelige an originalen Ragtimes am Klavier aus? Was kannst du beim Spielen von Ragtimes lernen und warum machen sie so viel Spaß?

Nach einer Zeile Vorspiel geht es los mit dem Thema.

Ragtimes sind ein ganz spezielles Genre, bei dem du sehr viel Neues lernen kannst. Gerade, wenn du bisher hauptsächlich Klassik gespielt hast. Ragtime‐Musik hat ihren Ursprung in den 1890er Jahren in Nordamerika. Es ist ein erster Schritt Richtung Jazz, aber doch etwas ganz Eigenes!

Als Pianist schüttelst du deine rechte Hand über den Tasten aus und die linke Hand darf fröhlich hin‐ und herspringen. Zugegeben, ganz so einfach sind Originalragtimes wie die von Scott Joplin dann doch nicht und für Anfänger sicherlich eine Nummer zu groß. Wer aber schon seit ein paar Jahren Klavier spielt, der sollte sich unbedingt an einen Originalragtime heranwagen.

Und wenn du eher noch Klavieranfänger bist, empfehle ich dir, leicht arrangierte Ragtimes zu spielen. Empfehlungen dazu kannst du weiter unten im Artikel nachlesen. Ragtimes sind so wunderschön klaviertypisch und werden dich zum Schmunzeln bringen! Nebenbei trainierst du mit Ragtimes auch viele Fähigkeiten, die dein Klavierspiel generell auf ein höheres Level bringen.

Welche musikalischen Merkmale und Spielweisen typisch für Ragtimes sind, welche Herausforderungen sie an den Spieler stellen und was du lernst, wenn du Ragtimes spielst, erfährst du anhand meiner Erfahrungen in diesem Artikel.

Ragtime Spielweise: Synkopen, das Greifen von Oktaven und blindes Springen

Sicheres Spielen von Synkopen

Synkopen sind sehr typisch für Ragtimes. Die synkopierte Melodie, zeitversetzt zum gleichmäßigen Rhythmus in der Begleitung, erzeugt das typische Ragtime‐Feeling. Ragged time bedeutet zerrissene Zeit und ist eine der ethymologischen Deutungen für das Wort Ragtime. Die Synkopierung gibt dem Ragtime seinen ganz besonderen Reiz.

Wer Ragtimes spielt, lernt das Spielen von Synkopen. Bald wirst du Synkopen nicht nur von Grund auf verstanden haben, sondern sie auch viel selbstverständlicher vom Blatt spielen können. Denn du bekommst ins Ohr, welcher Rhythmus zu den geschriebenen Noten gehört.

Und auch wer sich im Spielen von Synkopen bereits sicher fühlt, wird seine Freude an Ragtimes haben. Ganz einfach, weil es Spaß macht, Synkopen zu spielen! Und vielleicht wartet sogar noch die ein oder andere kniffelige Synkopierung auf dich!

Ohne Synkopen wären Ragtimes nicht das, was sie sind. Das wäre ziemlich langweilig. Synkopen rütteln ein Stück durcheinander und lassen das Notenbild durch punktierte Noten und Haltebögen kompliziert aussehen. Aber nur für den, der es nicht gewohnt ist!

Sicheres Greifen von Oktaven

Ragtimes, die explizit einfach komponiert wurden, oder vereinfachte Versionen von schwierigen Originalragtimes verzichten gerne auf Oktavierungen. Wer jedoch einen Originalragtime, beispielsweise von Scott Joplin, spielt, wird um das Greifen von Oktaven nicht herumkommen. Sowohl in der rechten, als auch in der linken Hand.

Prinzipiell würde es natürlich reichen, nur einen der Oktavtöne zu spielen. Allerdings hat es einen völlig berechtigten Grund, dass die Noten immer wieder Oktavierungen vorsehen. Es gibt doch einen deutlich volleren Klang. Und es macht sehr viel Spaß, auf diese Weise einfach mehr aus dem Klavier herauszuholen. Mit ein wenig Übung lernt deine Hand den Oktavabstand kennen und du hast die oktavierten Töne im wahrsten Sinne des Wortes im Griff.

Vielleicht findest du so wie ich einen großen Gefallen am Greifen von Oktaven und verwendest diese Methode auch an anderer Stelle. Beispielsweise, um ein langweilig einfaches Stück aufzupeppen oder deiner Liedbegleitung einen mächtigeren Klang zu verleihen.

Sprünge in der linken Hand

Sprünge in der linken Hand sind beim Spielen von Ragtimes Pflicht. Auch große Sprünge. Manchmal sogar kombiniert mit oktavierten Bässen. Ragtimes sind ein wunderbares Training, um auf der Klaviatur das zielgenaue Hin‐ und Herspringen zu üben. Deine Hand wird es immer besser lernen, die Abstände richtig einzuschätzen.

Ragtime spielen auf dem Klavier mit Sprüngen in der linken Hand.

Immerhin bist du rhythmisch entlastet, da bei den meisten Ragtimes lediglich zwei Achtel pro Schlag gespielt werden. Und das über weite Strecken. Rhythmisch ist das unkompliziert. Du kannst dich also ganz auf die Sprünge konzentrieren.

Das Springen mit der linken Hand ist beispielsweise auch sehr nützlich für die Liedbegleitung mit Akkorden. Du kannst deine Begleitung bereichern, indem du (oktaviert) den Basston eines Akkords greifst und im Anschluss daran auf Akkordtöne in der Mittellage springst.

Ragtimes spielen ohne Blick auf die Tasten

Blind zu spielen, also mit den Augen auf den Noten und möglichst wenig auf den Tasten, ist beim Klavierspielen immer die beste Wahl. Und bei Ragtimes unumgänglich. Rechte und linke Hand spielen oft so weit auseinander, dass du nicht beide Hände im Blick behalten kannst. Wenn überhaupt, dann kannst du nur auf eine Hand schauen. Gerade bei schnellen Sprüngen funktioniert aber auch das nicht mehr. Das ist nur bei wenigen, einzelnen Noten möglich. Deine Hand muss blindes Springen lernen!

Am Anfang war es auch für mich undenkbar, vom Bass in die Mittellage und wieder zurück zu springen und trotzdem auf Anhieb die richtigen Tasten zu treffen. Aber ich durfte erfahren, dass das tatsächlich möglich ist! Und das fasziniert mich noch heute, viele Jahre, nachdem ich meinen ersten Originalragtime gespielt habe.

Wenn dir die blinden Sprünge noch suspekt sind, dann übe zuerst ganz langsam die Noten. Nur mit der linken Hand. Sind dir die Noten klar, dann wage dich an die Sprünge und halte den Rhythmus. Spiele nach und nach ein bisschen schneller und wenn du dich schon sicher fühlst, dann nimm die rechte Hand dazu.

Schau immer weniger hin und auch bald komplett weg. Zu 100 % auf die Noten! Oder wenn du die schon auswendig kannst, dann schau in die Luft. Lass deine linke Hand alleine machen. Denken ist für diese Übung eher hinderlich. Überlasse dein Spiel deinen motorischen Fähigkeiten!

Der Fehler, den die meisten Menschen machen, ist der, dass sie keinen Mut zu falschen Tönen haben. Und nur weil sie beim blinden Springen zehnmal auf den falschen Tasten gelandet sind, geben sie auf. Sehr viel weiter kommst du, wenn du springst, was das Zeug hält. Sei einfach gespannt, wie viele Töne du triffst. Sieh es als wohlwollende Herausforderung, als Spiel.

Das blinde Springen ist eine fortgeschrittene Übung. Du musst sie nicht perfekt beherrschen. Ein gelegentliches Hinschauen bei sehr großen Abständen oder wiederholt falsch getroffenen Tasten ist später erlaubt. Trotzdem empfehle ich dir sehr, das Springen mit 100 % Wegschauen zu trainieren.

Kreative Titel von Ragtimes

Die gute Laune fängt bei den meisten Ragtimes schon vor der ersten Note an. Viele Ragtimes haben fantasievolle Namen, oft naturbezogen wie der Maple Leaf Rag (Ahornblattrag, angeblich aber nach dem Maple Leaf Club, in dem Joplin spielte, benannt), Pine Apple Rag (Ananasrag) oder Weeping Willow (Trauerweide), The Chrysanthemum (Die Chrysantheme), Palm Leaf Rag (Palmblattrag), Rose Leaf Rag (Rosenblattrag), Fig Leaf Rag (Feigenblattrag), Sugar Cane (Zuckerrohr), Gladiolus Rag (Gladiolenrag) oder The Cascades (Die Wasserfälle) von Scott Joplin, aber beispielsweise auch der Reindeer Rag (Rentierrag) von Joseph Lamb.

Ragtime lernen: Fantasievolle Namen für Ragtimes

Andere Ragtimes tragen Frauennamen, wie Joplins Cleopha oder Leola, und selbstbeschreibende oder augenzwinkernd selbstbewusste Namen wie The Entertainer (Der Unterhalter), Elite Syncopations (Ausgewählte Synkopen) von Scott Joplin, American Beauty Rag (Amerikanische‐Schönheit‐Rag) oder Sensation von Joseph Lamb.

Elite Syncopations ist übrigens auch der Name eines Ragtime‐Balletts, das 1974 von Kenneth MacMillan choreografiert wurde. In folgendem Ausschnitt wird zu Joplins The Cascades getanzt:

Beispiele für schöne Ragtimes

Es gibt viele tolle Ragtimes. Joplins erster und erfolgreichster war Maple Leaf Rag und es macht tatsächlich sehr viel Spaß, ihn zu spielen! Aber auch The Entertainer, The Cascades, der Pine Apple Rag, Peacherine Rag (einer der ein wenig leichter zu spielenden Originalragtimes von Joplin) oder Original Rags, Joplins erster mit Noten veröffentlichter Ragtime, sind sehr lohnenswert zu spielen.

Such dir unter den vielen schönen Ragtimes deine Favoriten heraus! Ach ja, apropos Favorit, es gibt auch einen Ragtime von Joplin, der The Favorite heißt.

Ein Ragtime‐Walzer, mein persönlicher Geheimtipp

Ein Ragtime von Joplin, der sich von den übrigen deutlich abhebt und für sich ein Juwel ist, heißt Bethena. Es ist ein Walzer! Und er drückt ein wohltuend versöhnliches Gefühl aus.

Ich selbst spiele den Ragtime Bethena immer wieder gerne. Er eignet sich sehr gut, um nach einigen turbulenten Ragtimes zum Ausklang im 3/4‐Takt wieder zur Ruhe zu kommen. Bethena ist ein großartiger, aber doch vergleichsweise unbekannter Ragtime. Es lohnt sich sehr, ihn kennenzulernen!

Bethena wurde übrigens auch für den Film Der seltsame Fall des Benjamin Button verwendet. Hier kannst du dir den Ragtime‐Walzer Bethena von Scott Joplin anhören:

Noch mehr Zauber wohnt dem wunderschönen Ragtime‐Walzer Bethena jedoch inne, wenn du ihn selbst auf dem Klavier spielst. Vielleicht hast du ja Lust bekommen?

Ragtime-Walzer Bethena von Scott Joplin

Noten für Ragtimes

Wenn du Noten für Ragtimes suchst, dann überlege, ob du die originale Fassung oder eine vereinfachte Bearbeitung von Originalragtimes spielen möchtest und pass beim Notenkauf dementsprechend auf. Außerdem wird oft beispielsweise der Entertainer teuer als einzelnes Stück angeboten. Meine Empfehlung ist es, einen Band mit mehreren Ragtimes zu kaufen. Dann bekommst du auch wirklich etwas für dein Geld!

Originale Ragtimes von Scott Joplin gibt es beispielsweise in einem ersten Band mit Joplins früheren Ragtimes und einem zweiten Band mit späteren Ragtimes. Aus beiden Bänden spiele ich immer wieder gerne verschiedene Ragtimes am Klavier. Wenn du aber erst mit Ragtimes beginnst und dich für einen der beiden Bände entscheiden möchtest, dann empfehle ich dir Band 1. Denn dieser enthält die beiden Klassiker Maple Leaf Rag und The Entertainer und außerdem den wunderschönen Ragtime‐Walzer Bethena.

Ragtimes für Klavieranfänger

Auch Anfänger können (und sollten unbedingt!) einen Ragtime ausprobieren. Es gibt beispielsweise Joplins Entertainer mit seinen zwei bekanntesten Hauptthemen in einem sehr schönen und leicht zu spielenden Arrangement von Hans‐Günter Heumann.

Auch von Martha Mier gibt es tolle einfache Ragtimes für Klavier, beispielsweise den Ragtime mit dem wunderschönen Namen Dandelion Rag (Löwenzahnrag) aus dem Buch Jazz, Rags & Blues. Das Prinzip ist hier das gleiche wie bei anspruchsvolleren Ragtimes auch: Eine Zeile Vorspiel und dann geht es gut gelaunt mit synkopierter Melodie und gleichmäßigem Begleitrhythmus weiter.

Der Reiz von Ragtimes

Vor allem Klavierspieler dürfen den Reiz des Ragtime voll und ganz erfahren, der noch viel mehr als eine fröhliche, synkopierte Melodie ist. Das Zusammenspiel der beiden Hände macht beim Ragtime ganz besonders viel Spaß!

Und auch wenn Ragtimes oft sehr schnell gespielt werden, Joplin selbst wollte bei seinen meisten Stücken, dass sie nicht zu schnell gespielt werden! Du brauchst dir also wegen der Geschwindigkeit keinen Stress machen.

Ragtimes fordern und fördern dein Klavierspiel. Wenn du Ragtimes kennen und lieben lernst, dann empfindest du es nicht als Mühe, sondern als ganz besonderen Spaß, einen Ragtime zu spielen.

Jeder Klavierspieler sollte mindestens einmal einen Ragtime gespielt haben, gerne natürlich auch mehr! Wie sieht es bei dir aus? Möchtest du Ragtimes kennenlernen? Oder bist du auf der Suche nach weiteren Ideen, um mit Spaß dein Klavierspiel zu verbessern?

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